ADHS und Cannabis: Warum viele Erwachsene nach „Ruhe im Kopf“ suchen
„Wenn ich ehrlich bin, hoffe ich, dass ich mit einer passenden Behandlung irgendwann gar nicht mehr kiffen muss.“
Diesen Satz hörte ich vor Kurzem von einem Klienten, der sich zur ADHS-Diagnostik angemeldet hatte. Seit seiner Jugend konsumiert er regelmäßig Cannabis. Er beschrieb etwas, das ich in meiner Praxis immer wieder höre: „Die Gedanken rasen nicht mehr so. Ich komme endlich mal runter.“
Gleichzeitig bemerkte er zunehmend die Schattenseiten. Er fühlte sich oft gleichgültiger, motivationsloser und hatte das Gefühl, wichtige Dinge immer häufiger vor sich herzuschieben.
Diese Ambivalenz begegnet mir bei Erwachsenen mit ADHS häufig. Cannabis wird oft nicht konsumiert, um möglichst „berauscht“ zu sein. Viele Betroffene berichten vielmehr, dass sie damit versuchen, innere Unruhe, Anspannung oder ein ständiges Gedankenkarussell zu regulieren.
Für viele fühlt sich Cannabis deshalb nicht wie eine „Freizeitdroge“ an, sondern wie eine Form der Selbstmedikation.
Doch warum ist das so? Und weshalb haben Menschen mit ADHS gleichzeitig ein erhöhtes Risiko für problematischen Cannabiskonsum und Suchterkrankungen?
ADHS im Erwachsenenalter: Mehr als Konzentrationsprobleme
Wenn Menschen an ADHS denken, denken sie häufig an Unaufmerksamkeit oder Hyperaktivität. Tatsächlich erleben viele Erwachsene mit ADHS jedoch etwas ganz anderes:
- innere Unruhe
- Gedankenrasen
- emotionale Überforderung
- Reizüberflutung
- Schwierigkeiten beim Abschalten
- Schlafprobleme
- chronischen Stress
Viele Betroffene berichten, dass sie sich permanent „unter Strom“ fühlen. Selbst in eigentlich entspannten Situationen fällt es schwer, den Kopf auszuschalten. Genau hier setzt für manche Cannabis an.
Warum Cannabis bei ADHS oft als hilfreich erlebt wird
Aus neurobiologischer Sicht ist das gut nachvollziehbar. Bei ADHS arbeiten bestimmte Netzwerke im Gehirn anders als bei Menschen ohne ADHS. Besonders betroffen sind Systeme, die die Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin nutzen. Diese spielen eine wichtige Rolle für Aufmerksamkeit, Motivation, Impulskontrolle und die Regulation innerer Aktivierung. Zusätzlich spielt das sogenannte Endocannabinoid-System (ECS) eine wichtige Rolle. Das ECS trägt dazu bei, die sogenannte Homöostase aufrechtzuerhalten – also das innere Gleichgewicht des Körpers. Dieses körpereigene System beeinflusst unter anderem:
- die Stressverarbeitung
- den Schlaf
- Emotionen
- die Belohnungsverarbeitung
- die Reizfilterung
Die Wirkstoffe der Cannabispflanze greifen genau in dieses System ein. Die Folge kann kurzfristig sein:
- weniger innere Anspannung
- subjektiv weniger Gedankenrasen
- emotionale Entlastung
- bessere Schlaf
- ein Gefühl von Ruhe und „Entschleunigung“
Der erwähnte Klient berichtete beispielsweise, dass er in besonders stressreichen Lebensphasen deutlich mehr Cannabis konsumiere. In ruhigeren Phasen hingegen könne er auch mehrere Wochen bewusst darauf verzichten. Ein anderer Klient brachte seine Erfahrung mit einem Satz auf den Punkt:
„Zum ersten Mal ist nur ein Gedanke gleichzeitig da.“
Solche Aussagen höre ich in meiner Praxis immer wieder.
Diese Erfahrung sollte nicht vorschnell als Ausrede oder mangelnde Disziplin verstanden werden. Sie ist für viele Menschen mit ADHS real und neurobiologisch nachvollziehbar.
Cannabis als Selbstmedikation bei ADHS
Viele Erwachsene erhalten ihre ADHS-Diagnose erst spät. Nicht selten liegen Jahre oder sogar Jahrzehnte voller Frustration, Selbstzweifel und unerklärlicher Schwierigkeiten hinter ihnen. In dieser Zeit suchen viele unbewusst nach Möglichkeiten, sich selbst zu helfen.
Manche nutzen exzessiv Sport, andere Alkohol, Nikotin oder eben Cannabis. Häufig steht dahinter weniger der Wunsch nach einem Rausch als der Versuch, innere Unruhe, Anspannung oder Überforderung zu regulieren. Genau deshalb wird in der Fachsprache häufig von Selbstmedikation gesprochen.
Selbstmedikation bedeutet dabei nicht, dass Cannabis eine geeignete Behandlung für ADHS darstellt. Es bedeutet vielmehr, dass Betroffene versuchen, belastende Symptome eigenständig zu bewältigen. Während des diagnostischen Prozesses höre ich häufig Sätze wie:
„Ich dachte immer, das sei normal. Ich kenne es ja gar nicht anders.“
Viele haben sich über Jahre an ihre innere Unruhe, ihre ständige Anspannung oder das Gefühl gewöhnt, nie wirklich abschalten zu können. Erst durch die Diagnostik wird ihnen bewusst, dass diese Erfahrungen möglicherweise mit einer bislang unerkannten ADHS zusammenhängen.
ADHS und Sucht: Warum das Risiko erhöht ist
Menschen mit ADHS haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Suchterkrankungen.
Forschungsergebnisse zeigen, dass Erwachsene mit ADHS deutlich häufiger problematischen Cannabiskonsum entwickeln als Menschen ohne ADHS. Insgesamt entwickelt bis zu die Hälfte aller Betroffenen im Laufe ihres Lebens einen problematischen Substanzkonsum. Die Gründe dafür sind vielfältig. Wie bei den beschriebenen Klienten kommen häufig zusätzliche Belastungen hinzu: beruflicher Stress, Beziehungsprobleme, Schlafmangel oder das Gefühl, den Anforderungen des Alltags nicht gerecht zu werden.
Der Joint am Abend bringt dann endlich die ersehnte Ruhe und Entlastung.
Wichtig ist mir dabei eine differenzierte Perspektive. Nicht der Konsum an sich steht im Vordergrund, sondern die Frage, welchen Zweck er erfüllt. Deshalb frage ich meine Klientinnen und Klienten oft: „Was genau macht der Konsum für Sie? Welche Bedürfnisse erfüllt er?
Wenn Cannabis vor allem dazu dient, innere Unruhe, Überforderung oder andere unbehandelte ADHS-Symptome zu regulieren, lohnt es sich genauer hinzuschauen.
Hinzu kommt, dass das Belohnungssystem bei ADHS etwas anders arbeitet.
Vereinfacht gesagt fällt es Menschen mit ADHS häufig schwerer, unmittelbare Bedürfnisse zugunsten langfristiger Ziele zurückzustellen. Das hat wenig mit mangelnder Disziplin zu tun, sondern vielmehr mit der Art und Weise, wie das Gehirn Belohnungen verarbeitet.
Substanzen, die schnell Entspannung oder Wohlbefinden erzeugen, können dadurch besonders attraktiv werden. Was mir hierbei besonders wichtig ist: Ein erhöhtes Suchtrisiko bedeutet nicht, dass Menschen mit ADHS „willensschwach“ sind.
Es handelt sich vielmehr um eine bekannte neurobiologische Verletzlichkeit.
Das Problem: Kurzfristige Entlastung kann langfristig Schwierigkeiten verstärken
Die Herausforderung bei Cannabis besteht darin, dass kurzfristige und langfristige Wirkungen nicht immer übereinstimmen. Kurzfristig berichten viele Betroffene über:
- weniger innere Unruhe
- weniger Stress
- bessere Schlafqualität
- subjektiv mehr Entspannung
Bei regelmäßigem Konsum können jedoch Probleme auftreten, die gerade für Menschen mit ADHS besonders ungünstig sind:
- Konzentrationsstörungen
- Gedächtnisprobleme
- Antriebsmangel
- verminderte Motivation
- stärkere Prokrastination
- emotionale Abhängigkeit
Genau das beschrieb auch der eingangs erwähnte Klient. Während Cannabis ihm zunächst half, zur Ruhe zu kommen, bemerkte er zunehmend, dass er sich gleichgültiger fühlte und wichtige Aufgaben immer häufiger aufschob. Problematisch ist dabei, dass das Thema Prokrastination, welches viele Menschen mit dem Thema stark belastet, letztlich verstärkt wird.
Je stärker Konzentration, Organisation und Motivation leiden, desto höher werden Stress und Überforderung im Alltag.
Kann Cannabis ADHS behandeln?
Die wissenschaftliche Datenlage ist bislang begrenzt. Einzelne Betroffene berichten über positive Erfahrungen. Die derzeitige Studienlage reicht jedoch nicht aus, um Cannabis allgemein als wirksame Standardbehandlung von ADHS zu empfehlen.
Aus meiner Sicht besteht die Schwierigkeit vor allem darin, dass regelmäßiger Konsum zwar kurzfristig Entlastung bringen kann, langfristig jedoch häufig neue Probleme entstehen.
Deutlich besser untersucht sind andere Behandlungsformen, insbesondere:
- Psychoedukation
- Verhaltenstherapie
- Coaching und Strukturhilfen
- medikamentöse Behandlung mit zugelassenen ADHS-Medikamenten
Interessanterweise berichten viele meiner Klientinnen und Klienten nach einer erfolgreichen ADHS-Behandlung, dass ihr Bedürfnis nach Selbstmedikation deutlich zurückgeht.
Nicht, weil sie eine enorme Selbstdisziplin entwickelten, sondern weil die eigentliche Ursache besser verstanden und behandelt wird.
Was passiert mit dem Cannabiskonsum nach einer ADHS-Diagnose?
Diese Frage wird mir häufig gestellt. Viele Menschen befürchten, sie müssten sich zunächst vollständig vom Cannabis lösen, bevor sie Unterstützung erhalten können. Meine Erfahrung ist eine andere. Wenn Betroffene verstehen, warum sie konsumieren, und ihre ADHS gezielt behandelt wird, verliert Cannabis häufig einen Teil seiner Funktion.
Wenn innere Unruhe, Reizüberflutung, Schlafprobleme oder das Gefühl permanenter Überforderung nachlassen, berichten viele Betroffene, dass auch der Wunsch nach Selbstmedikation geringer wird oder sich vollständig auflöst.
Natürlich ist jeder Verlauf individuell. Dennoch zeigt sich in der Praxis immer wieder, dass die Behandlung der eigentlichen Ursache hilfreicher ist als der ausschließliche Fokus auf den Konsum.
Was hinter dem Cannabiskonsum oft wirklich steckt
In der Praxis zeigt sich immer wieder: Hinter regelmäßigem Cannabiskonsum steckt häufig nicht die Suche nach einem Rausch, sondern die Suche nach Entlastung.
Wer innere Unruhe, Schlafprobleme, emotionale Überforderung oder chronischen Stress besser versteht und gezielt behandelt, braucht häufig deutlich weniger Strategien der Selbstmedikation.
Fazit
Viele Erwachsene mit ADHS erleben Cannabis zunächst als hilfreich. Das Gefühl von „Ruhe im Kopf“ ist nachvollziehbar und neurobiologisch erklärbar.
Gleichzeitig haben Menschen mit ADHS ein erhöhtes Risiko für problematischen Konsum und Suchterkrankungen. Was kurzfristig entlastet, kann langfristig Konzentration, Motivation und emotionale Stabilität beeinträchtigen.
Oft steht nicht die Suche nach einem Rausch im Vordergrund, sondern der verständliche Wunsch nach Ruhe, Entlastung und Selbstregulation.
Eine fundierte Diagnostik und Behandlung der ADHS können dabei helfen, genau diese Bedürfnisse auf gesündere und nachhaltigere Weise zu erfüllen.