„Wenn ich wirklich ADHS hätte, hätte das doch schon viel früher jemand bemerkt.“
Diesen Gedanken haben viele Erwachsene, die sich erstmals mit der Frage beschäftigen, ob hinter langjährigen Schwierigkeiten mit Konzentration, Organisation, Aufschieben oder innerer Unruhe eine ADHS stehen könnte.
Tatsächlich wird ADHS bei manchen Menschen erst im Erwachsenenalter erkannt – manchmal mit 30, 40 oder sogar noch später. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Störung erst im Erwachsenenalter entstanden ist.
ADHS beginnt nicht plötzlich mit 35
ADHS gehört zu den sogenannten neuronalen Entwicklungsstörungen. Charakteristische Auffälligkeiten beginnen bereits in der Kindheit. Sie können sich im Laufe des Lebens allerdings deutlich verändern.
Während bei Kindern beispielsweise motorische Unruhe stärker auffallen kann, berichten Erwachsene häufiger über innere Unruhe, Schwierigkeiten mit der Organisation des Alltags, Vergesslichkeit, Probleme bei längerfristigen Aufgaben oder das Gefühl, ständig mehrere Dinge gleichzeitig im Kopf zu haben.
Entscheidend ist daher nicht allein, wann eine ADHS diagnostiziert wird, sondern ob sich Hinweise darauf finden, dass entsprechende Besonderheiten bereits früher bestanden haben.
„Aber meine Grundschulzeugnisse waren unauffällig“
Auch das hören wir in der ADHS-Diagnostik häufig.
Ein unauffälliges Zeugnis schließt eine ADHS nicht automatisch aus. Schulzeugnisse sind ein wichtiger Baustein der Diagnostik – aber eben nur einer von mehreren.
Manche Kinder fallen wenig auf, weil sie ruhig sind, gute Leistungen erbringen oder Schwierigkeiten durch andere Fähigkeiten ausgleichen können. Andere profitieren lange von einer stark strukturierten Umgebung: Eltern erinnern an Hausaufgaben, kontrollieren Schulmaterialien oder organisieren Termine. Was von außen problemlos aussieht, kann mit erheblichem innerem Aufwand verbunden sein.
Interessant wird häufig der Übergang in Lebensphasen, in denen diese äußere Struktur wegfällt.
Studium, Ausbildung, Beruf, Elternschaft oder eine zunehmende Zahl paralleler Verpflichtungen verlangen deutlich mehr Selbstorganisation. Strategien, die viele Jahre funktioniert haben, reichen dann möglicherweise nicht mehr aus.
Gute Leistungen sprechen nicht gegen ADHS
Auch ein erfolgreiches Abitur, ein Studium oder eine anspruchsvolle berufliche Tätigkeit schließen eine ADHS nicht aus.
Bei der diagnostischen Einschätzung geht es deshalb nicht nur darum, was jemand erreicht hat, sondern auch darum, wie diese Leistungen zustande gekommen sind.
Mussten Aufgaben regelmäßig bis unmittelbar vor der Deadline aufgeschoben werden? Funktionierte konzentriertes Arbeiten hauptsächlich unter hohem Zeitdruck? Wurden Termine und Verpflichtungen durch aufwendige Erinnerungssysteme abgesichert? Wurde ein großer Teil der Energie dafür benötigt, nach außen organisiert und zuverlässig zu wirken?
Solche Kompensationsstrategien können dazu führen, dass Schwierigkeiten lange wenig sichtbar bleiben.
Warum eine ADHS-Diagnostik mehr ist als ein Fragebogen
Online-Selbsttests und Fragebögen können erste Hinweise liefern. Eine fundierte ADHS-Diagnostik im Erwachsenenalter besteht jedoch aus deutlich mehr.
Neben der aktuellen Symptomatik spielt die Entwicklung seit der Kindheit eine zentrale Rolle. Dazu gehören beispielsweise Erinnerungen an die Schulzeit, Grundschulzeugnisse und – sofern möglich – Informationen von Eltern oder anderen Personen, die die Kindheit gut kennen.
Ebenso wichtig ist die Frage, wie sich mögliche Symptome heute auf verschiedene Lebensbereiche auswirken.
Und schließlich gehört zu einer sorgfältigen Diagnostik immer die Differentialdiagnostik: Konzentrationsprobleme, innere Unruhe oder Schwierigkeiten mit Organisation und Antrieb können auch im Zusammenhang mit anderen psychischen oder körperlichen Faktoren auftreten.
Eine späte Diagnose kann trotzdem viel erklären
Für viele Erwachsene ist eine ADHS-Diagnose zunächst überraschend. Gleichzeitig kann sie Erfahrungen verständlicher machen, die zuvor vielleicht als persönliche Schwäche interpretiert wurden.
Warum funktionieren manche Aufgaben problemlos, während andere trotz guter Vorsätze immer wieder liegen bleiben? Warum gelingt Konzentration bei großem Interesse manchmal über Stunden, während bereits eine kurze Routineaufgabe enorme Überwindung kostet? Warum fühlt sich Alltag so häufig nach permanentem Organisieren, Erinnern und Hinterherlaufen an?
Eine Diagnose verändert die Vergangenheit nicht. Sie kann aber einen neuen Blick darauf ermöglichen – und eine Grundlage dafür schaffen, künftig passender mit den eigenen Schwierigkeiten und Ressourcen umzugehen.
Bei Lumos Minds führen wir ADHS-Diagnostik bei Erwachsenen durch. Dabei betrachten wir nicht nur einzelne Testergebnisse, sondern die individuelle Entwicklung, aktuelle Beschwerden, mögliche Kompensationsstrategien und relevante Differentialdiagnosen.