„Entschuldigung…“ – Warum Menschen mit ADHS sich häufig unnötig entschuldigen

„Entschuldigung.“ – „Sorry.“ – „Tut mir leid.“

Ein kleines Wort. Für viele Menschen mit ADHS gehört es zum Alltag. Sie entschuldigen sich dafür, dass sie zu spät kommen. Dass sie jemanden unterbrochen haben. Dass sie eine Nachricht erst Tage später beantworten. Dass sie etwas vergessen haben. Manchmal entschuldigen sie sich sogar dafür, dass sie überhaupt etwas sagen.

Dabei geht es oft gar nicht darum, dass sie tatsächlich etwas falsch gemacht haben. Das „Entschuldigung“ ist vielmehr zu einer Gewohnheit geworden.

Warum ist das so?

Hinter vielen Entschuldigungen steckt kein schlechtes Benehmen – sondern eine lange Geschichte.

ADHS geht häufig mit einem geringen Selbstwertgefühl und starken Selbstzweifeln einher. Wie ausgeprägt diese sind, hängt unter anderem davon ab, welche Copingstrategien jemand im Laufe seines Lebens entwickelt hat. Manche Menschen mit ADHS schaffen es, ihre Schwierigkeiten erstaunlich gut zu kompensieren. Sie sind erfolgreich im Beruf, übernehmen Verantwortung und wirken nach außen organisiert.

Und trotzdem höre ich in meiner Praxis immer wieder dieselben Sätze:

„Ich habe ständig das Gefühl, ich muss mich entschuldigen.“

„Ich fühle mich wie eine Mogelpackung.“

„Vielleicht bin ich ja doch einfach faul.“

Diese Gedanken entstehen nicht aus dem Nichts.

Du könntest, wenn du nur wolltest.“

Viele Erwachsene mit einer lange unerkannten ADHS haben als Kinder und Jugendliche immer wieder ähnliche Botschaften gehört:

„Jetzt konzentrier dich doch einfach mal.“

„Du musst dich mehr anstrengen.“

„Du könntest viel mehr erreichen, wenn du nur wolltest.“

„Mach doch endlich etwas aus deinem Leben.“

Ein Klient erzählte mir neulich, dass sein Lehrer auf nahezu jedem Elternsprechtag sagte:

„Der Peter könnte, wenn er nur wollte. Aber der will einfach nicht.“

Die Tiraden nach einem solchen Elternsprechtag kann man sich vermutlich vorstellen. Was macht ein solcher Satz mit einem Kind? Wenn man immer wieder erlebt, dass die eigenen Leistungen hinter den eigentlichen Fähigkeiten zurückbleiben, sucht man nach einer Erklärung. Die Umwelt liefert sie oft gleich mit:

Faul. Unmotiviert. Undiszipliniert. Immer nur Flausen im Kopf.

Dabei war es häufig nichts von alldem. Es waren die Symptome einer ADHS: Flüchtigkeitsfehler, Vergesslichkeit, Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit zu steuern oder Aufgaben zuverlässig zu Ende zu bringen. Doch ein Kind kennt diese Zusammenhänge nicht. Es übernimmt die Erklärungen der Erwachsenen – und irgendwann werden sie zur eigenen inneren Stimme.

Wichtig ist mir an dieser Stelle eines: Das soll keine Kritik an Eltern oder Lehrkräften sein. Viele wussten es schlicht nicht besser. ADHS ist eben nicht so offensichtlich wie eine Brille oder ein gebrochener Arm.

Aus Selbstzweifeln werden Entschuldigungen.

Wer über Jahre gelernt hat, dass er Fehler macht, andere enttäuscht oder Erwartungen nicht erfüllt, entwickelt oft eine ständige innere Alarmbereitschaft.

„Hoffentlich habe ich nichts falsch gemacht.“

„Ich möchte niemanden verärgern.“

„Lieber entschuldige ich mich vorsichtshalber.“

Das führt dazu, dass sich viele Menschen mit ADHS deutlich häufiger entschuldigen als notwendig.

Nicht, weil sie rücksichtslos wären.

Sondern weil sie gelernt haben, dass sie offenbar ständig Anlass dazu geben.

Und genau daraus entsteht häufig das nächste Problem: Es fällt schwer, Grenzen zu setzen. Nein zu sagen. Für die eigenen Bedürfnisse einzustehen.

Sich entschuldigen zu können ist eine Stärke.

Es ist wichtig, sich entschuldigen zu können. Jeder macht Fehler. Das gehört zum Menschsein dazu.

Wer einen Fehler gemacht hat, Verantwortung übernimmt und sich ehrlich entschuldigt, zeigt soziale Kompetenz und Empathie.

Das Problem ist also nicht das Entschuldigen.

Das Problem ist das übermäßige Entschuldigen.

Wer sich ständig entschuldigt, obwohl gar kein Fehlverhalten vorliegt, begibt sich unbewusst in eine Rolle der Unterordnung – im Privatleben genauso wie im Beruf.

Man signalisiert anderen: Ich bin wahrscheinlich das Problem.“

Mit der Zeit verstärkt sich dadurch das ohnehin vorhandene Gefühl, nicht zu genügen.

Die eigentliche Aufgabe ist nicht, sich weniger zu entschuldigen.

Sie besteht darin, die Geschichte hinter den Entschuldigungen zu verstehen.

Viele Erwachsene mit ADHS tragen ein lebenslanges Gefühl mit sich herum, irgendwie nicht ausreichend zu sein. Als hätten sie sich bisher nur „durchgemogelt“. Als würden andere irgendwann merken, dass sie gar nicht so kompetent sind, wie es scheint.

Dabei ist dieses Gefühl meist kein Spiegel der Realität.

Aber was macht man als sozial kompetenter Mensch, wenn man ständig glaubt, nicht zu genügen? Man entschuldigt sich.

Es ist die Folge vieler Jahre, in denen ADHS nicht erkannt wurde und Betroffene ihre Schwierigkeiten mit vermeintlicher Faulheit, mangelnder Disziplin oder persönlichem Versagen erklären mussten.

Wer das versteht, kann beginnen, den eigenen inneren Dialog zu verändern. Vielleicht muss das automatische „Entschuldigung“ nicht immer die erste Reaktion sein. Manchmal reicht auch ein einfaches: „Danke, dass Sie mich darauf hingewiesen haben. Das ist mir gestern tatsächlich durchgegangen.“

Oder: „Danke, dass Sie kurz gewartet haben.“ Ohne Rechtfertigung. Ohne Schuldgefühl.

Und mit der Zeit vielleicht auch ohne den alten Glaubenssatz, nie gut genug zu sein.

Zum Schluss noch ein Gedanke: Fragen Sie sich deshalb beim nächsten „Entschuldigung“ einmal:

Entschuldige ich mich gerade, weil ich wirklich etwas falsch gemacht habe?

Oder entschuldige ich mich übermäßig für eine Kleinigkeit?

Hat jemand eine Minute auf mich gewartet – oder tatsächlich eine Viertelstunde?

Muss ich mich wirklich ausführlich entschuldigen, weil ich gestern vergessen habe, eine E-Mail zu beantworten? Oder reicht vielleicht auch ein ehrliches:

„Danke, dass Sie mich darauf hingewiesen haben. Das ist mir gestern tatsächlich durchgerutscht.“

Nicht jede kleine Unachtsamkeit braucht eine große Entschuldigung. Oft reicht es völlig aus, die Situation freundlich und selbstverständlich richtigzustellen.

Eine ehrliche Entschuldigung, wenn sie wirklich angebracht ist, zeigt Stärke und kann sogar das Selbstwertgefühl stärken. Anders ist es bei den vielen kleinen, automatischen Entschuldigungen, die wir aus Gewohnheit aussprechen – obwohl wir eigentlich nichts Gravierendes falsch gemacht haben. Sie vermitteln uns mit der Zeit das Gefühl, ständig etwas falsch zu machen, und können so das Selbstwertgefühl eher schwächen.

Wenn Sie anfangen, auf diesen Unterschied zu achten, werden Sie wahrscheinlich feststellen, dass viele Ihrer Entschuldigungen gar nicht nötig gewesen wären. Genau darin liegt ein wichtiger Schritt: weg vom automatischen „Es tut mir leid“ – hin zu mehr Gelassenheit, Selbstvertrauen und einem freundlicheren Blick auf sich selbst.

Probieren Sie doch einmal ein kleines Experiment aus: Achten Sie in den nächsten Tagen ganz bewusst darauf, wann Sie sich entschuldigen. Führen Sie innerlich eine kleine Strichliste. Fragen Sie sich anschließend – mit etwas zeitlichem Abstand zur Situation: Fühlt sich diese Entschuldigung auch jetzt noch angemessen an? Oder war sie eher ein spontaner Reflex, weil Sie das Gefühl hatten, sich vorsorglich entschuldigen zu müssen? Allein diese bewusste Beobachtung kann helfen, eigene Muster zu erkennen und nach und nach zu verändern.

Wenn Sie sich in diesen Zeilen wiederfinden und das Gefühl haben, dass Sie sich schon Ihr ganzes Leben übermäßig entschuldigen, könnte es sich lohnen, der Ursache auf den Grund zu gehen.

Eine ADHS im Erwachsenenalter bleibt häufig viele Jahre unerkannt. Erst eine fundierte Diagnostik kann Klarheit schaffen, ob hinter den ständigen Selbstzweifeln, dem Gefühl, nie zu genügen, und dem übermäßigen Entschuldigen möglicherweise eine ADHS steckt.

Genau dabei unterstützen wir Sie bei Lumos Minds. Denn manchmal verändert schon das Verständnis der eigenen Lebensgeschichte den Blick auf sich selbst. Und genau das kann der erste Schritt sein – hin zu mehr Selbstmitgefühl, mehr Selbstverständnis und einem entspannteren Umgang mit den eigenen vermeintlichen Schwächen.

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